Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie
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Arbeitsgruppe Paläobotanik

Vegetationsgeschichte/EthnobotanikEin wichtiger Schwerpunkt in Forschung und Lehre des Münchner Instituts für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie liegt in der Frage nach dem Beziehungsgeflecht Mensch und Umwelt. An der Universität München gibt es eine eigene Arbeitsgruppe für Vegetationsgeschichte inklusive Laboratorien. Hier zeigt sich der interdisziplinäre Charakter des Fachs besonders deutlich. Erforscht werden die Einflüsse des Menschen auf seine natürliche Umwelt, die in Mitteleuropa seit dem sechsten Jahrstausend vor Christus in einem vielschichtigen Prozess die Naturlandschaft unwiederbringlich in eine Kulturlandschaft umwandelten. Darüber hinaus werden in verschiedenen Projekten aber auch allgemeine Probleme der spät- und nacheiszeitlichen Vegetations- und Klimageschichte untersucht.

Während Historiker und Archäologen längst erloschene Lebenswelten mit Hilfe schriftlicher Quellen bzw. mit Hilfe von Sachüberresten wie etwa Keramik, aber auch von Grabfunden rekonstruieren, studieren Vegetationsgeschichtler in Bibliotheken, welche die Natur geschaffen hat, also in Umweltarchiven. Solche Umweltarchive entstehen, wenn organisches Material über viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende erhalten bleibt. Die Konservierung kann dabei auf ganz unterschiedliche Weise erfolgen, etwa durch Trocknung (in Wüstenklimaten) oder unter Sauerstoffabschluss. Letzteres ist in unserer Heimat vor allem in Mooren, Seen, subfossilen Bodenhorizonten oder in den verlandeten Altarmen der großen Flusssysteme der Fall. Die Untersuchung pflanzlicher Großreste wird als Makrorestanalyse bezeichnet, die Untersuchung organischer Mikrokörper (Pollen) als Pollenanalyse. Makrorest- und Pollenanalyse sind die hauptsächlichen Untersuchungsmethoden der Abteilung für Vegetationsgeschichte in München.

Von allen Archiven eignen sich Hochmoore besonders gut, weil sie in Jahrtausenden Schicht für Schicht nach oben wachsen. Aus der Luft eingetragene Partikel, darunter besonders Blütenstaub (Pollenkörner) aber auch pflanzliche Großreste wie Holz, Knospen, Blätter, Früchte und Samen können dadurch Jahr für Jahr in den Mooren inkorporiert und konserviert werden, ohne das es zu einer Durchmischung mit älterem Material kommt. Es entsteht so eine "paläobotanische Datenbank", welche die Umweltgeschichte der Umgebung repräsentiert.

Zu den häufigsten Pflanzenresten gehören die mit dem bloßen Auge nicht mehr sichtbaren Pollenkörner der Blütenpflanzen: Sie bauen die besten Datenbanken für eine umfassende Betrachtung der Natur- und Landschaftsgeschichte auf. Um eine Pollen-Datenbank abzurufen, wird zunächst ein Torfprofil erbohrt, dieses in dünne Scheiben geschnitten (jedes Scheibe umfasst nur wenige Jahrzehnte Pollenniederschlag!) und schließlich von jeder Scheibe mittels einer chemischen Behandlung ein Pollen-Konzentrat gewonnen. Da sich die Pollenkörnern nach ihrem Aussehen deutlich unterscheiden, kann man sie verschiedenen Pflanzengattungen und teilweise -arten zuordnen und auf diese Weise die Vegetationsverhältnisse der Vorzeit rekonstruieren. So erhält man schließlich auch indirekt Informationen über Veränderungen des Klimas und der Landnutzung. Um die Befunde in einen genauen zeitlichen Rahmen zu stellen, müssen einzelne Torfproben parallel dazu physikalisch datiert werden (14C-Methode).

Pflanzliche Großreste sind makroskopisch, das heißt, mit dem bloßen Auge oder der Lupe erkennbare Reste höherer Pflanzen. Auch diese oftmals Jahrtausende alten Pflanzenteile sind gut konserviert in Mooren etc. zu finden. Makrofossilien bieten den Vorteil einer sehr genauen, meist bis zur Art reichenden Bestimmungsmöglichkeit. So kann etwa der Fund verkohlter Getreidereste in einem Moor nahe einer prähistorischen Siedlung die Ernährungsgewohnheiten der dort lebenden Menschen erhellen.

Team

Die Arbeitsgruppe für Vegetationsgeschichte umfasst eine Wissenschaftlerstelle (Dr. Michael Peters) und zwei Technikerstellen: die Biologisch-Technische-Assistentin Brigitte Hill und Dipl.-Ing. Pavel Kopal.

Projekte

Seit 1985 hat die AG Vegetationsgeschichte unter Herrn Dr. Michael Peters und seinem Vorgänger Herrn Prof. Dr. Hansjörg Küster eine große Zahl an Forschungsprojekten durchgeführt oder war an solchen beteiligt. Hervorzuheben sind dabei die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekte „Werden und Wandel unserer Kulturlandschaft", „Umweltgeschichte im Gebiet zwischen Donau und Alpen",  „Entstehung und Wandel einer Flusslandschaft seit dem Spätglazial am Beispiel der Donau bei Ingolstadt“ (Teil des Schwerpunktprogramms „Kontinentale Sedimente“) und „Untersuchungen zur Landschaftsentwicklung des Murnauer Mooses – geomorphologischer Werdegang, Vegetations- und Siedlungsgeschichte im jüngeren Quartär“ (gemeinsam mit der Arbeitsgruppe von Herrn PD Dr. T. Schneider/Institut für Geographie der Universität Augsburg). International tätig war die Arbeitsgruppe in dem von der DFG geförderten Forschungsprojekt „Spät- und postglaziale Umweltbedingungen im Bereich der ganzjährigen südhemisphärischen Westwinddrift“ (inzwischen abgeschlossen), und zwar in Zusammenarbeit mit dem Geologischen Institut der Universität Freiburg (Prof. Dr. J. Behrmann, Dr. M. Fesq-Martin), dem Institut für Geographie der Universität Augsburg (Prof. Dr. A. Friedmann) und dem Lehrstuhl für Geologie der Universität Trier (PD Dr. R. Kilian).

Ergebnisse der genannten Forschungsarbeiten wurden bereits in zahlreichen Publikationen veröffentlicht. Weitere Publikationen stehen noch aus oder werden in Kürze erscheinen (siehe Publikationsverzeichnis).

Weiterhin wird eine umfassende Bibliothek zum Thema Moor- und Torfkunde bzw. –archäologie sowie Paläobotanik in Bayern aufgebaut (Bibliothek Dr. H. Schmeidl) und schließlich steht die Erstellung eines digitalen Pollenherbariums (Vergleichssammlung) kurz vor dem Abschluss. Dieses Herbar wird nahezu die gesamte Flora Bayerns repräsentieren und ist damit für Deutschland und darüber hinaus beispielhaft.